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Jonas Straumann

Jonas Straumann ist ein junger Schweizer, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Er hat sich bereits im zarten Alter von 19 Jahren erfolgreich selbständig gemacht und lebt heute ausschließlich von der Musik, der großen Liebe seines Lebens. Was für sich allein bereits beeindruckend klingt, wird nahezu unglaublich, wenn man um Jonas‘ Behinderung weiß: Er ist von Geburt an stark hörgeschädigt. Mit uns hat er über sein Leben gesprochen – eine inspirierende Erfolgsgeschichte über Hoffnung, Mut und Selbstvertrauen.

Jonas Straumann

Jonas wurde 1994 in der Schweiz geboren. Er ist fast taub: während er auf dem linken Ohr gar nichts mehr hört, nimmt er auf dem rechten nur 10-15 % der Geräusche wahr. Besonders in früher Kindheit hatte er mit den Hürden seiner Beeinträchtigung zu kämpfen: Vor allem das Erlernen der Sprache und später der Schulalltag stellten ihn laufend vor große Herausforderungen.
Erst nach dem Wechsel auf eine spezielle Hörbehindertenschule, in der die Kinder in kleine Klassen aufgeteilt werden, haben sich diese etwas gebessert. Die größte Einschränkung war jedoch immer in Jonas‘ Sozialleben vorhanden: Seine Beeinträchtigung zeigt sich vor allem als Kommunikationsbehinderung und starken sozialen Nachteil. So gut wie nichts zu hören macht es natürlich nicht leicht, Anschluss zu finden. Selbst auf Familienfeiern kommt es häufig vor, dass er sich am Rand der Gesellschaft befindet, aufmerksame Mitmenschen sind aber zum Glück immer wieder bemüht, ihn einzubeziehen.

Das Hören mit Hörgerät

Das wichtigste Hilfsmittel im Alltag ist für Jonas definitiv das Hörgerat. Für ihn stellt es eine Brücke zur „hörenden Welt“ her.Das Hören mit dem Hörgerät erklärt Jonas so: Im Hörorgan sind viele Härchen, die schwingen. Genau vier Härchen pro Klaviertaste um genau zu sein. Ist nun eines dieser Härchen beschädigt, klingt die Klaviertaste kaputt – egal, wie gut sie gestimmt ist.
Mit dem Hörgerät wird das Härchen nicht gesund, es verstärkt nur das Geräusch so, dass man es wahrnehmen kann. Das heißt, es klingt nicht schöner, sondern sogar schlechter, aber dafür kann Jonas den Ton überhaupt hören. Man vernimmt also keinen klaren Ton, wie man es als Hörender kann, sondern abstrakte, dumpfe Töne mit verschiedenen Effekten und Geräuschen.

Manche Frequenzen kann Jonas gar nicht wahrnehmen, dazu gehören Vogelgezwitscher, leise Geräusche (wie das Surren des Kühlschrankes) oder Klingeln. Für diese Töne ist sein Hörvermögen nicht ausgestattet. Geräusche wie seine eigene Stimme, ein Klopfen oder sein Instrument hört er aber durchaus – nur eben nicht so schön und sauber wie ein Hörender.
Wenn Jonas Musik macht, ist es nicht so, dass er alle Vibrationen wahrnimmt. Er muss intuitiv mit seinem Instrument umgehen und „in den Flow“ kommen, um gut zu spielen.Auf die Möglichkeit eines Cochlea-Implantats hat er bisher verzichtet. Zum einen möchte er gerne in der Lage sein, die Elektronik von seinem Körper abzunehmen, zum anderen möchte er die Wahlfreiheit zwischen „ein bisschen hören“ und „nicht hören“ behalten. Manchmal sei auch das Nicht-Hören eine gute Sache, scherzt Jonas.

Seine persönliche Lieblingsmusik ist akustische Musik mit wenigen Instrumenten, da er diese besser differenzieren und genießen kann. Er hat zwar selber einst im Orchester gespielt, aber je mehr Instrumente zusammenkommen, desto mehr ist die Geräuschkulisse für ihn vergleichbar mit einer Autostraße, also ein komplettes Durcheinander und einfach nur Lärm.

Jonas Straumann

Erste Berührungen mit der Musik

Die Liebe zur Musik hat Jonas sehr früh entdeckt. Bereits im Alter von drei Jahren liebte er Schallplatten von den Schlümpfen, die er zum Leidweisen seiner Eltern und Nachbarn sehr laut aufdrehte, um mit dem Rücken an den Lautsprechern die Musik zu fühlen. In der 3. Klasse begann er mit dem Musikunterricht und während des zweijährigen Schlagzeugunterrichts auf der Hörbehindertenschule wurde ihm immer klarer, dass er etwas mit Musik machen möchte. Er startete seine ersten Versuche, am Computer zu komponieren. Leider hat er diesen Weg über die Jahre etwas aus den Augen verloren, zumal vor allem sein Umfeld versucht hat, Jonas seine Träume auszureden. Familie, Lehrpersonen und Berufsberater brachten Jonas mit ihren entmutigenden Äußerungen dazu, seine Liebe aufzugeben. Er schlug eine „normale“ Laufbahn als Kaufmann ein und gründete im zarten Alter von 19 Jahren bereits ein Magazin für Gehörlose, mit dem er sehr erfolgreich wurde. Nach 4 Jahren verkaufte er das Netzwerk und arbeitete fortan an diversen Projekten, darunter auch ein Lernprogramm für Gebärdensprache. Er produzierte laufend Videos und Inhalte und hat damit vieles bewegt. Erst Ende 2018 erwarb er seine erste Handpan um 7000 Franken (ca. 6720 Euro) – die teuerste und beste Investition seines bisherigen Lebens.

Jonas Straumann
Jonas Straumann

Den Träumen auf der Spur

Der Wunsch danach, Musik zu machen, war Jonas‘ ständiger Begleiter. So kam es, dass er große Unzufriedenheit und das dringende Bedürfnis verspürte, sein Leben zu überdenken. Er wollte unbedingt Abstand gewinnen zu den Menschen, die Einfluss auf sein Leben nahmen und Jonas vorschreiben wollten, wie er sich zu verhalten hatte. So kam es, dass er seine Handpan und seinen Rucksack packte und aufbrach, um die Welt zu bereisen. Ein halbes Jahr zog es ihn durch den Balkan, wo er gute und schlechte Erfahrungen machte, auf der Straße musizierte und die Zeit zur Selbstreflexion nutzte. Zu Beginn der Corona-Pandemie 2020
sah er sich zwar gezwungen, seine Weltreise abzubrechen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits genau, welchen Weg er in Zukunft einschlagen wollte: ausschließlich den musikalischen! Heute, zwei Jahre später, ist er zu 100 % als Musiker selbständig.

Jonas‘ Erfolgstipps

Die Frage, woher Jonas die Energie für all seine Projekte nimmt, beantwortet er sehr weise: „ Man muss keine Energie nehmen, Energie braucht man nur für Dinge, die man nicht gerne macht. Ich habe Spaß an dem, was ich mache. Um viel zu schaffen, braucht man Willen und Begeisterungsfähigkeit.“

Wir haben Jonas auch um seinen Rat für andere Menschen mit Behinderung gebeten. Aus seiner Sicht bringen sich sehr viele Menschen in eine Opferrolle, fühlen sich ohnmächtig oder machen sich kleiner, als sie sind. Auch Menschen mit Behinderung dürfen an ihrem Selbstbewusstsein und Selbstwert arbeiten und viel mehr an sich glauben.
Auch er musste erst lernen, dass er nichts ändern kann, wenn er schlecht über sich selbst denkt. Es war sehr schwierig für ihn, den eigenen Verstand zu entgiften. Das Wichtigste ist es jedoch, über sich hinaus zu wachsen, mutig zu sein und in sich und seine Fähigkeiten zu glauben, trotz der Behinderung! Für die nächste Zeit hat Jonas viele große Ziele, die er jedoch bevorzugt für sich behält.
Die Erfahrung hat ihm gezeigt, dass es besser ist, sich nur mit Vertrauten über seine Pläne auszutauschen, um demotivierende Kommentare und Bemerkungen von außen zu vermeiden. „Es gibt leider zu viele Menschen, die ständig deine Ziele klein machen wollen oder gar versuchen, sie dir auszureden. Das färbt auch auf mich und meinen Verstand ab und ich muss ständig dagegen ankämpfen“, schließt Jonas aus seinen Erfahrungen. Er verrät uns aber, dass er in nächster Zeit intensiv an seinem Album arbeiten wird: geplant ist elektronische Tanzmusik mit Überraschungen. Da Jonas die Qualität seiner Musik sehr wichtig ist, wird es jedoch sicher noch ein Jahr dauern, bis er mit seinem Werk zufrieden ist und das Album somit komplett wird. (Text: Desiree Biri, Fotos: Jonas Straumann)

www.jonashandpan.com

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