Balanceakt

Buch von Andy Holzer
Buch von Andy Holzer

Die Vortragsreihe „Balanceakt“ des österr. Alpinisten Andy Holzer hielt im Juni Einzug in Wien. Staunen stand in den Gesichtern der zahlreichen Besucher geschrieben. Es war ein Vorgeschmack auf die Faszination, die auch vom gleichnamigen Buch ausgeht. Das Besondere: Andy Holzer ist von Geburt an blind.

 

Er gehört sicher nicht zu den Menschen, die sich kaum trauen die eigene Treppe (im Dunkeln) runter zu gehen ohne eine Versicherung abzuschließen. Mich würde wirklich interessieren, ob ein blinder Alpinist überhaupt versicherbar wäre. Von Normen, Vorurteilen und Statistiken lässt sich Andy Holzer jedenfalls nicht abhalten und kann inzwischen auf etliche Gipfelsiege, u.a. die erfolgreiche Besteigung von sechs der „Seven Summits“ zurückblicken. Unter diesem Begriff werden die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente zusammengefasst.


 

Schon meine Ankunft vor Ort war sehr aufschlussreich. Bei einem Telefonat vorab hatten wir ein Interview vereinbart, weshalb ich etwas früher da sein sollte. Ich dachte ich sei sogar zu früh, denn abgesehen von den Veranstaltern und ein paar Männern die mit Kabeln und Co hantierten, schien niemand da zu sein. Erst als seine Frau Sabine mich aufklärte, entdeckte ich ihn unter eben jenen Männern an der Leinwand herum schrauben. Hätte ich nicht gewusst dass er blind ist, wäre es mir vermutlich nicht aufgefallen.

 

Das mag daran liegen, dass er schon immer wie er selbst sagt „das Leben eines Sehenden“ geführt hat. Als gelernter Heilmasseur war er gefragt, zuvor besuchte er eine gewöhnliche Schule, kann weder mit einem Langstock noch mit Blindenschrift etwas anfangen und hat in seiner Kindheit so manchen waghalsigen Stunt mit Schiern oder Fahrrad hingelegt. Es ging sogar so weit, dass außerhalb seiner Familie lange Zeit angenommen wurde der Andy sehe nur etwas schlecht.

 

„Das Bild des Projektors ist ein bisserl schwach hab ich gehört, aber… mich stört’s nicht“, eröffnete Andy Holzer den Abend. Während des Vortrags blieb er angewurzelt hinter seinem Pult stehen, wo er laufend Knöpfe und Regler zu bedienen schien. Er erzählte offenherzig mit einer guten Portion Witz und Ironie von seinen Glücksmomenten und Enttäuschungen, von kräftezehrenden Aufstiegen, starkem Glauben, schicksalhaften Begegnungen und davon wie er die Welt „sieht“.

 

Die Schilderung der ORF-Dreharbeiten hat z.B. für einige Lacher gesorgt. Ein blinder Kletterer - das ist eine Sensation und sollte als solche bildlich festgehalten werden. Eine Filmcrew begleitete die einzigartige Seilschaft von Andy Holzer, bis er inmitten einer senkrechten Felswand auf den ebenfalls blinden Amerikaner Erik Weihenmayer traf. Um es mit seinen Worten zu sagen: „Da ist doch tatsächlich noch ein Wahnsinniger, der sich im Dunkeln die Gelbe Kante herauftastet“. Ausgerechnet an diesem Tag kam es zu diesem Zusammentreffen, ohne vorher voneinander gewusst zu haben. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie bizarr diese Situation gewesen sein muss. Wenn 1 blinder Kletterer schon nicht mehr so einzigartig war wie gedacht, 2 waren es mit Sicherheit und so wurde kurzerhand mit beiden weitergedreht. Das sollte dann auch nicht der letzte gemeinsame Aufstieg der doppelblinden Seilschaft gewesen sein.

 

Andy Holzer erzählte aber auch von Zeiten wo es nicht so leicht war jemanden zu finden, der sich nicht davor scheut mit einem Blinden einen Berg zu besteigen. Oft hat er hoffnungsvoll einem Versprechen geglaubt und mit gepackten Sachen voller Erwartung letztendlich vergeblich gewartet. Wenn jemand etwas Neues probiert oder Ungewöhnliches tut, stößt das mancherorts leider auf Unverständnis.

 

Zwischen den Berichten über die verschiedenen Expeditionen von denen zusätzlich eindrucksvolle Fotos präsentiert wurden, schweifte er gelegentlich zu tiefsinnigen Themen ab. Er sprach über „Notwendigkeiten“ und wie sie einem helfen Strategien zu entwickeln, die man sonst nicht entwickeln würde. Über Abhängigkeit als etwas Positives, weil Unabhängigkeit auch bedeuten kann Dinge allein ertragen zu müssen. Sein Vortrag regte alles in allem wirklich zum Nachdenken an.

 

Im persönlichen Gespräch mit ihm blieb auch wirklich keine Frage offen...

 

SAS: In Berichten um dich als „blind climber“ ist das Thema der „Seven Summits“ allgegenwärtig. Nur noch einer fehlt dir, der Mount Everest. Was ist dran an den Geschichten um eine Besteigung im Jahr 2012?

 

Andy Holzer: Die Medien schreiben viel, aber ich muss so ein Projekt erst einmal spüren. Wenn man von mir 2 Wochen nach einer Expedition auf einem 8.000 Meter hohen Berg - wo man sich 6 Wochen lang nur plagt und schindet und sich oft nach dem Sinn des Ganzen fragt - etwas vom Mount Everest wissen will, kann ich nur sagen: Der Everest ist finanziell eine Wahnsinnsgeschichte und eine unglaubliche Logistik. Wir reden da von einigen hunderttausend Euro. Kurz gesagt, es hängt nicht von mir alleine ab. Da muss ein Team von 3 bis 4 Leuten bereit sein mit einem Blinden auf so einen Berg zu steigen. Das sind alles ganz normale Menschen, einfach Freunde die wissen wie der Andy Holzer tickt, die müssten alle gleichzeitig Urlaub bekommen. Und falls das ganze Projekt funktioniert kannst du auch nicht mit verwackelten Familienfotos nach Hause kommen. Es ist sehr unclever ein alpinhistorisches Ereignis nicht professionell zu dokumentieren. Kameraleute die auf den Mount Everest steigen können gibt’s auf der Welt nicht viele. Ich möchte nicht meine ganze Energie dafür aufwenden Finanzverhandlungen abzuhalten. Deswegen bin ich so weit, dass ich sage, wenn gewisse Leute auf mich zukommen, dann bin ich natürlich bereit meinen Teil mit meinen Freunden zu machen.

 

SAS: Was ist für dich die größte Herausforderung bei solchen Expeditionen?

 

Andy Holzer: Die Alltagsgeschichten! Das Kleinste ist das Bergsteigen. Das Größte ist, wenn du um 3 Uhr morgens auf 7000 Meter bei -40 Grad Außentemperatur dein Geschäft verrichten musst. Es geht nicht um mich, sondern um meinen Partner, der dann auch aufstehen muss, obwohl er sich grad erst gewärmt hat. Das sind menschliche Tragödien. Oder schon im Vorfeld, die Landung in Katmandu. Sich in so einer Stadt zu bewegen, das kann man nicht mit Städten bei uns vergleichen. Da gibt’s mitten am Gehsteig tiefe Löcher, ständig Pfützen, und Fäkalien überall. Das ist alles ein Wahnsinn, ein Krawall und ein Lärm. Die Mopeds fahren zu viert nebeneinander und überholen die Autos links und rechts. Ob da einer behindert ist oder nicht ist da alles egal. Da gibt’s keine Barrierefreiheit.

 

SAS: Gab es eine Situation in den Bergen wo du richtig Angst hattest?

 

Andy Holzer (wie aus der Pistole geschossen): Ja, jeden Tag! Angst ist einer meiner wichtigsten Partner. Menschen haben schon lang vergessen die Angst richtig zu interpretieren. Die Angst ist nichts Negatives, sondern wie ein Wegweiser der dir sagt „jetzt musst du aufpassen“. Wenn du sie falsch interpretierst, dann wird die Angst zur Panik und dann wird sie dich lähmen. Genau damit wissen heute die zivilisierten Menschen nicht umzugehen, weil sie zu wenig in der Natur sind. Und weil sie zu wenig auf ihre Gefühle hören, die nicht wie auf Straßenschildern stehen, wann man 50 und wann man 100 fahren darf.

 

SAS: Welche Ziele gäbe es für dich noch nach den Seven Summits?

 

Andy Holzer: Es kann durchaus sein, dass der Andy Holzer einer ist der sechs der Seven Summits bestiegen hat – fertig. Die Definition von Zielen ist sowieso etwas was ich auf andere Art mache als andere Menschen. Ich visualisiere Ziele nicht statisch sondern dynamisch. Und momentan ist gar nicht der Everest mein gewaltiges Ziel.

Das nächste Projekt das ich machen werde, findet schon im Jänner statt, wo ich für blinde Menschen den Mt Kenia hochsteige. (immer euphorischer) Ich spreche auf Vorträgen immer wieder Menschen an, am liebsten Manager und Führungskräfte die den Boden überhaupt schon lang verloren haben, ob sie nicht Lust haben 2 Wochen mit mir gemeinsam in einem Zelt zu liegen und um 3 Uhr morgens aufzustehen, wenn der Andy aufs Klo muss. Einfach um die Basics wieder einmal kennenzulernen. Das hab ich 2010 das erste Mal gemacht, wo ich mit 25 Menschen auf den Kilimanjaro gestiegen bin. Von den 25 sind 19 mit mir auf den Gipfel gekommen und von den 19 waren 16 überhaupt keine Bergsteiger. Der Körper war immer 2 Tage hinterher. Das war so gewaltig interessant wie man sich rein mit Geisteskraft und Leidenschaft auf einen knappen 6000er bewegen kann. Immer mit dem vollen Wissen, dass beim Abstieg ein provisorischer Operationssaal wartet, wo ein Augenprimar aus Bruck, Dr. Markus Grasl, freiwillig und unentgeltlich blinde Afrikaner am grauen Star operieren wird. Grauer Star ist in Afrika quasi unheilbar und bei uns ist es eine 20-minütige Operation. Die Manager die mit mir raufgestiegen sind, bezahlen 300 EUR mehr für diese Reise als es nötig wäre und mit diesen 300 EUR kann jeder einzelne Teilnehmer 10 Menschen das Augenlicht zurückgeben. Da kann man Schulter an Schulter mit Markus Grasl am OP-Tisch drin stehen während er die 30 bis 50 Menschen operiert. Was da für Emotionen entstehen, wenn die Verwandten ihren Bruder, oder ihren Vater, der 40 Jahre nix gesehen hat, plötzlich sehend erleben.

Das ist für mich eine runde Geschichte und das sind meine wahren Ziele: Mit meiner Leidenschaft dem Bergsteigen andere Menschen zu animieren und anderen Menschen was zu geben. Also werde ich so ein Projekt nochmal im Januar 2012 angehen und ob ich dann den Everest besteige oder nicht ist so unwichtig wenn man die G‘schicht jetzt gehört hat.

 

SAS: Gab es auch Zeiten in denen du mit deiner Blindheit gehadert hast?

 

Andy Holzer: Das waren vielleicht 3 Tage in meinem ganzen Leben. In der Zeit zwischen 16 und 19 Lebensjahren wo der große Knick kommt und man realisiert, die andern fahren mit‘m Auto fort und ich kann den Führerschein nie machen. Wo die Disco in ist, wo man mit den feschen Mädls… und so weiter. Aber selbst diese Zeit hab ich relativ schnell in den Griff bekommen und heute bin ich 21 Jahre verheiratet. Passt eigentlich alles. Es ist immer das Gleiche im Leben, wenn du scheinbar an der Wand anstehst dann musst du was erfinden. Musst was machen was andere nicht machen. Ich hab ja keine Referenz. Ich kann keinen fragen „du sag einmal, wie bist du auf 7000 Meter aufs Klo gegangen?“. Es gibt keinen den ich fragen kann. Da musst du selbst kreativ werden, aber das ist was uns weiter bringt. Und so hab ich in meinem Leben vielleicht 3 Tage gehabt wo ich dachte „Naja scheiße is‘ schon“. Aber immer wieder denk ich mir: „Fliegen können die Menschen auch nicht. Schön wär‘s schon wenn man mal fliegen könnte, aber so ist‘s Leben auch recht bärig“. So ist‘s auch beim Sehen. Das ist ein Luxus. Weil man eine Strategie entwickelt hat. Ich bin eine Identität und wenn mein Doktor bei der Tür rein kommen und sagen würde: „es gibt was Neues“. Also morgen ließe ich mich sicher nicht ohne Weiteres operieren, weil ich meine Identität verlier.

 

SAS: Du hast vorhin erwähnt, dass du fast ein schlechtes Gewissen anderen blinden Menschen gegenüber hast, weil du Ihnen in den Rücken fällst. Wie hast du das gemeint?

 

Andy Holzer: Da gibt’s Institutionen, da gibt’s eine eigene Schrift, eigene Techniken genau für mich und all das hab ich und kann ich gar nicht. Ich sag da noch ganz provokant, ich hab lieber mein Steigeisen und meinen Pickel und wenn das jetzt ein Blinder hört… ich versteh‘ vollkommen, dass der sagt: „Was ist das für ein Überheblicher“. Man darf eben nie ein Leben mit einem anderen Leben vergleichen. Für mich war das mein persönlicher Weg.

Ich war mit 6 schon so weit entwickelt mit meinen Fähigkeiten, da war ich immer schon der Anführer der Rasselbande und bin mit‘m Fahrradl über Sprungschanzen gesprungen, was alles ein Wahnsinn ist. Und der Grund dafür ist für mich auch ganz einfach. Weil meine Eltern es mir zugetraut haben und mir erlaubt haben mich zu verletzen. Viele Eltern machen den Fehler, speziell auf behinderte Kinder viel zu sehr aufzupassen. Sie in einen Wattebausch einpacken und der Wattebausch wird mit den Jahren dünner und wenn du mal 25 Jahre alt bist, ist nicht mehr viel da von der Watte und dann spürst du den richtigen Alltag. Ich hab das vom ersten Tag an gespürt. Die Nachbarsleute haben meinen Eltern immer den Vogel gezeigt, ob sie denn wahnsinnig sind ihre Kinder – ich hab ja eine blinde Schwester auch noch - auf der Scheune oder am Hausdach rumlaufen zu lassen. Aber was ich da für Strategien entwickelt habe, mit dem arbeite ich heute auf den Bergen. Wenn ein anderer Blinder das Endergebnis der Geschichte hört sagt er „ist ein überheblicher Typ“, aber wenn er den Anfang verstanden hat, wird er‘s vielleicht eher verstehen.

 

SAS: Denkst du nicht, andere Menschen sind für sich selbst verantwortlich?

 

Andy Holzer: Ja pass auf, da hab ich auch eine Theorie dazu. In dem Moment gibt’s keinen Unterschied mehr zwischen Sehenden und Blinden, weil bei Sehenden ist es genauso. Da gibt’s viele die sind Hartz IV Empfänger, die haben alles: 2 Hände, 2 Füße, sehen und hören. Und da gibt’s andere, die sind Piloten und Manager und was weiß ich was alles. Es ist kein Unterschied ob du sehend bist oder blind, du musst einfach was draus machen.

 

SAS: Wie gehst du mit Vorurteilen um?

 

Andy Holzer: Ich hab mir viele Gedanken gemacht und letzten Endes ist das mein Leben und letzten Endes bin ich egoistisch genug, dass ich da keine Rücksicht nehmen kann. Ich kann nicht für andere Menschen, denen es nicht so gut geht, meine Strategie umstricken und schließlich helfe ich mit meiner G‘schicht auch anderen Blinden weiter und ich lass mich da nicht einknicken. Wenn‘s wirklich drauf ankommt, da leb‘ ich und fahr ich meine Linie.

 

SAS: Ich bedanke mich im Namen von Seite an Seite recht herzlich für das angenehme und interessante Gespräch und wünsche Dir alles Gute für die nächsten Projekte!

 

Text: Cornelia Reithner