Es ist noch kein Blindenführhund vom Himmel gefallen

Der Blindenführhund bleibt stehen um auf den Bordstein aufmerksam zu machen. Foto: Cornelia Reithner
Der Blindenführhund bleibt stehen um auf den Bordstein aufmerksam zu machen. Foto: Cornelia Reithner

„Ist der nicht süüüß!“ ruft ein Kind, einen Welpen auf dem Arm tragend, seinen Eltern zu. Dieses knuffige Kerlchen wird wahrscheinlich ein Familienhund werden. Mit etwas Glück ist unter seinen Geschwisterchen einer zu „Höherem“ berufen.


Es ist keine Selbstverständlichkeit für einen Welpen, später beispielsweise als Blindenführhund Dienst tun zu können. Um irgendwann zur Mobilitätshilfe zu werden, muss der Hund einen geeigneten Charakter mitbringen, strenge ärztliche Kontrollen bestehen und monatelang ausgebildet werden.


Er lernt in der Ausbildung auf Höhen-, Seiten- und Bodenhindernisse zu achten. Das ist gar nicht so einfach, weil diese Hindernisse für den Hund selbst meist keine Barrieren darstellen. Seitenhindernisse können beispielsweise Reklametafeln, Menschen, Säulen oder Verkehrszeichen sein.

 

Ein herabhängender Ast kann eine unangenehme Begegnung mit einem Höhenhindernis bedeuten, während Bordsteine, Schlaglöcher und alles worüber man stolpern könnte zu den Bodenhindernissen zählen.


Sicher hat jeder schon so ein liebevoll bezeichnetes „Kalb“ von Hund gesehen. Aber selbst ein Vertreter einer solch großen Rasse kann locker unter einem Schranken durchlaufen und sich durch eine Menschenmenge schlängeln. Hindernisse? War da was? Mit einem blinden Menschen im „Schlepptau“ sieht das dann ganz anders aus.


Nicht jede Variation von Gefahr kann man auf dem Übungsplatz simulieren, deshalb ist der Alltag auf der Straße der beste Lehrmeister.

Sabine Muschl (www.blindenfuehrhunde.at) bildet selbst Blindenführhunde aus und hat mir erlaubt sie beim Stadttraining zu begleiten und die markanten Trainingssituationen bildlich festzuhalten. Ihr tierischer Trainingspartner, ein weißer schweizer Schäferhund, wird „Dimo“ gerufen.


Ebenso wie seine Berufskollegen kann Dimo trotz sorgfältigster Ausbildung später nie eigenständig in die völlig unbekannte „Musterstraße Nr 5“ führen, wo der neue Arzt seine Praxis eröffnet hat. Im Gegensatz zum Hund kennt ein Navigationsgerät den Weg zu jeder beliebigen Adresse. Damit wir ihn gehen oder fahren können, gibt es uns komfortabel kleine Befehle wie „jetzt rechts abbiegen!“.


Genau wie ein Navi den Autofahrer, steuert ein blinder Mensch seinen Führhund mit Kommandos. Das setzt voraus, dass der Hundeführer weiß wo er ist und wohin es gehen soll. Ein Hund kann auch keine Ampelfarben unterscheiden oder wissen wann eine Straße gefahrlos überquert werden kann.

"Dimo" führt Sabine Muschl über den Zebrastreifen   Foto: Cornelia Reithner
"Dimo" führt Sabine Muschl über den Zebrastreifen Foto: Cornelia Reithner

 Warum er dann überhaupt eine Hilfe ist? Ganz einfach, die Fortbewegung mit einem Blindenführhund ist wesentlich schneller und sicherer als mit dem Langstock. Mit dem Stock muss man Hindernisse erst ertasten um sie umgehen zu können und sich von einem Orientierungspunkt zum nächsten bewegen. Um zB eine Tür zu finden tastet man sich an der Wand entlang. Ein Blindenführhund hingegen weicht Hindernissen einfach aus und kann auch den direkten Weg zur Tür nehmen.


Außerdem lernt er praktische Dinge, wie beispielsweise eine Sitzgelegenheit, eine Türe, einen Briefkasten, eine Treppe oder einen Zebrastreifen auf Kommando anzuzeigen. 

Auf Kommando führt Dimo zur nächstgelegenen Sitzgelegenheit  - Foto: Cornelia Reithner
Auf Kommando führt Dimo zur nächstgelegenen Sitzgelegenheit - Foto: Cornelia Reithner

Der Langstock ist aber weiterhin ein wichtiges Hilfsmittel. Erstens weil jedes Tier auch mal krank werden kann und dann eine Weile „dienstfrei“ nehmen muss und zweitens um zu ertasten was der Hund anzeigt.


Wenn ein Blindenführhund mitteilen will, dass etwas im Weg ist, bleibt er nämlich einfach stehen. Der Blinde kontrolliert dann mit dem Stock was los ist und entscheidet über das nächste Kommando. Das kann zB „such Weg“ sein, danach müsste er eigenständig einen sicheren Umweg gehen.


Dimo kennt auch das Kommando „Kehrt“, was dem „Bitte wenden!“ beim Navigationsgerät gleich kommt. Auf der Autobahn wird ein Autofahrer dieser verwirrten Ansage nicht nachkommen. Genauso lernt ein Blindenführhund Befehle (ausnahmsweise) zu verweigern, wenn sie den Blinden gefährden. Das nennt man „intelligente Gehorsamsverweigerung“.


Damit ein Blindenführhund zuverlässig führen kann, ist täglicher Auslauf ohne Führgeschirr und alles was sonst noch zum normalen Hundeleben dazu gehört, sehr wichtig. Ohne Führgeschirr ist er ein Hund wie jeder andere auch. Auch wenn die meisten Hunde gerne „arbeiten“, körperlich und geistig gefordert werden wollen und sich über unser Lob freuen… ihre eigenen Bedürfnisse dürfen nicht zu kurz kommen. Bei der Führarbeit soll er Artgenossen, leckere Gerüche, Beutetiere u.ä. nämlich ignorieren und sich auf seine Aufgabe konzentrieren.


Für einen Blindenführhund gibt es also wie wir sehen eine ganze Menge zu lernen.

Nach der Ausbildung legt der Trainer mit dem Hund eine Qualitätsprüfung ab. Danach folgt die Phase der Zusammenschulung mit dem Blinden (in der sich Dimo übrigens gerade befindet). Nach erfolgreicher Zusammenschulung muss der blinde Mensch mit seinem Hund die sogenannte Teamprüfung bestehen, erst dann wird aus ihm ein anerkannter Blindenführhund, der auch im Behindertenpass eingetragen wird. Die Beurteilungsrichtlinien sind auf www.bmsk.gv.at nachzulesen (§ 39a Abs. 4 des BBG).

 

Text: Cornelia Reithner