Selbsterfahrungs - Workshop: "Die andere Seite"

SelbsterFAHRung... Mit diesem Wort eröffnete Michael Sicher, Initiator des Projekts "CEOs on Wheels", das nächste Kapitel des Workshops "die andere Seite": die Praxis. Wir wurden mittels Ziehung in zwei Gruppen eingeteilt und bekamen einen Zettel mit Aufgaben. Zu zweit machten wir uns dann auf den Weg. Wie praktisch: Eine im Rollstuhl, eine schiebt, später wollten wir dann wechseln. Meine „Leidensgenossin“ Nicole und ich mussten zuerst eine Station mit der U-Bahn fahren. Da der Workshop im Seminarzentrum des AKH Wien stattfand, war das am Anfang noch nichts Besonderes, da man im AKH mit Rollstuhl nicht weiter auffällt.

 

Dementsprechend problemlos war unser Start und wir gingen recht vergnügt an die Sache ran. Die U-Bahn Station Michelbeuern hat sogar einen abgesenkten Fahrscheinautomaten. Trotz dem tollen Fund hatte ich damit meine Schwierigkeiten. Das war nämlich der Moment, wo ich begriff dass auch Schieben gelernt sein will. Gerade auf den Automaten zufahren endet nämlich damit, dass die Füße an der Wand anstehen und man das Display nicht mit den Händen erreicht. Also schob ich Nicole umständlich hin und her bis sie seitlich zum Automaten ganz eng an der Wand stand und endlich das Ticket kaufen konnte.

 

Unsere Unterhaltungen, so lustig wir es uns auch machten, waren zwischendurch immer wieder mühsam. Ich schob schließlich den Rollstuhl und sie saß darin mit Blick nach vorne, wenn sie sich nicht gerade das Genick verrenkte, verstand ich ihre Antwort neben den vielen anderen Geräuschen oft nicht. Die unterschiedliche Höhe auf der wir uns befanden war auch gewöhnungsbedürftig und etwas eigenartig zu Beginn, störte mich aber weniger als sich beim Reden nicht dem anderen zuwenden zu können.

 

Mit dem Aufzug gelangten wir zum Bahnsteig und philosophierten dabei, dass ein nicht funktionierender Lift jetzt ein riesiges Problem gewesen wäre. In gewisser Weise hätte es uns gar nicht überrascht, wenn wir „ganz zufällig“ auf der vorgegebenen Route auf solche Hindernisse gestoßen wären, immerhin wurde uns von unseren leidgeplagten Workshop-Vorgängern erzählt, die tatsächlich dieses Pech hatten. Beim Einsteigen in die U-Bahn hielten wir uns an die Anweisungen von Michael Sicher. Den Rollstuhl kippen und vorwärts reinschieben. Wenn man das beherzigt, klappt das gut, allerdings waren wir auch zu zweit. Alleine hätte sich Nicole schon Flügel wachsen lassen müssen, denn diese kleine Schwelle zur U-Bahn ist mit dem Rollstuhl praktisch unüberwindbar. Nur bei den neuen U-Bahn-Garnituren, die allerdings nicht auf der Linie U 6 im Einsatz sind, werden bei der jeweils ersten und letzten Türgruppe eines Zuges automatisch Rampen ausgefahren.

 

In der U-Bahn wussten wir dann gar nicht recht, wohin mit uns. Für die eine Station lohnte es sich nicht irgendwo ein angenehmeres freies Plätzchen zu suchen. Mit dem Rollstuhl kann man nicht einfach auf die Seite gehen, wenn man im Weg steht, schon gar nicht im fahrenden Zug, wo man besser dran ist, wenn man weiß, wo die Bremsen beim Rollstuhl sind. Wir waren ganz froh, als wir das hinter uns hatten.

 

Die erste Aufgabe war dann Einkaufen zu gehen. Da wir den vorgesehen Supermarkt blöderweise verpassten, nahmen wir kurzerhand den nächsten, eine Billa Filiale. Dort waren wir positiv überrascht, die Gänge waren relativ breit, obwohl immer wieder diese „Aktions-Ständer“ im Weg standen, kam man mit dem Rolli noch überall durch. Andere Menschen, vertieft in ihre Einkäufe, machten eilig Platz, nachdem wir uns bemerkbar machten. Würde man ohne Begleitung einkaufen, wäre man natürlich trotz geräumiger Gänge auf Personal oder andere Menschen angewiesen, sitzend erreicht man die wenigsten Produkte, aber wer um Hilfe bittet bekommt sie in der Regel auch.

 

Reicher an Erfahrung wurden wir dort nicht, also machten wir uns auf den Weg zur 2. Aufgabe – ein Besuch beim örtlichen Libro. Jetzt war die Zeit für den Rollentausch gekommen, nur hatten wir da wirklich Bedenken. Man kann ja schlecht mitten auf der Straße aus dem Rollstuhl hüpfen und selbst weiterschieben, gerade so als wäre eine von uns zu faul zum Gehen. Versteckt hinter dem nächsten Hauseingang tauschten wir die Plätze.

Ich versuchte dann, um meine Neugier zu befriedigen, ein kurzes Stück selbst zu fahren, also ohne geschoben zu werden. Hätte ich das besser gelassen! Nicht nur, dass es richtig anstrengend ist, meine Lederhandschuhe fristen seither ein jämmerliches Dasein bei den anderen „es war schön mit euch“ Anziehsachen. Es hat nämlich zu dieser Zeit immer wieder geschneit und am Tag unseres „Experiments“ lag überall Matsch, der sich ungefragt an die Räder und in weiterer Folge an die Hände klebt. Abgesehen von der Sauerei, bremst das beim Fahren auch sehr.

 

Unser zweites Ziel war leider ernüchternd, ich kam nicht viel weiter als zur Tür rein. Die Gänge reichten gerade so für einen Rollstuhl, aber immer wieder ragten Dinge in den Weg, was ein Durchfahren unmöglich machte. Die liebe Verkäuferin schob sogar ein ganzes Regal zur Seite, weil sie helfen wollte, aber kleine Geschäfte sind einfach nichts für Rollstuhlfahrer.

 

Wieder draußen schob mich Nicole über die Straße Richtung U-Bahn und ZACK rutschte ein Rad in ein Gleis und die Straßenbahn konnten wir in einiger Entfernung auch schon heranrollen sehen. Nicole hatte Probleme den Rolli zu befreien und ohne richtig darüber nachzudenken sprang ich auf und sie rief: „Du zerstörst das Experiment!“… huch…das war ein Reflex, obwohl uns die Bim schon nicht überfahren hätte … glaube ich. Aber was wäre der Workshop, hätte man nachher nicht von solchen Schrecksekunden zu erzählen, wie Sie sicher ahnen, haben wir es dann doch heil zurückgeschafft.

Text und Fotos: Cornelia Reithner