Von heute auf morgen

Von Heute auf Morgen ist unsere Rubrik in der Menschen sich und ihr Schicksal vorstellen. In allen Fällen handelt die Geschichte von einem betroffenen Menschen, der durch Unfall oder Krankheit Einbußen in seiner Mobilität hinnehmen muss. Nicht so die Geschichte von Herrn Andre van Rüschen.

Andre van Rüschen beim Testen des Re-Walk. Foto: Hannes Bodingbauer
Andre van Rüschen beim Testen des Re-Walk. Foto: Hannes Bodingbauer

Ich liege im Bett und denke nach. 10 Jahre ist es jetzt her seit ein Verkehrsunfall mein Leben auf den Kopf stellte. Mein Leben wie ich es kannte war vorüber und ein neues anderes Leben wartete auf mich. Ein Leben im Rollstuhl. Sie werden nie mehr gehen können, sagten die Ärzte. Und so war es auch. Aber morgen werde ich diesen Ärzten beweisen dass sie falsch lagen. Morgen wird sich mein Blickwinkel wieder verändern. Ja morgen werde ich wieder die Perspektive eines erwachsenen Menschen, und nicht die eines Zehnjährigen haben. Morgen werde ich den Re-walk testen.

 

Was ist der Re-walk. Ein sogenanntes Exoskelett, ein hochmodernes Gerät mit kleinen Motoren und Getrieben, Bewegungssensoren sowie einem leistungsstarken Rechner. Man befestigt die Gurte der künstlichen Beine an den Ober- und Unterschenkeln, positioniert die Beckenstütze, schnallt sich den Rucksack auf den Rücken, in dem sich der Rechner befindet, und legt sich die Bedieneinheit, welche aussieht wie eine Digitaluhr, um das Handgelenk

 

Heute ist es Dienstag der 6. November und endlich ist es soweit. Als erstes wurden die Muskeln massiert um sie zu lockern. Dann konnte ich endlich in den Re Walk anlegen, ein tolles Gefühl.

Ich musste mich sozusagen in den Re Walk hineinsetzen, wurde angeschnallt und dann konnte es los gehen( im wahrsten Sinne des Wortes ). Der Physiotherapeut ( Matt ) betätigte die Uhr mit dem Modus „aufrichten“. Nach drei Sekunden begannen die Motoren zu summen und drückten mich hoch. Das war der Wahnsinn und plötzlich stand ich am Barren. Dort musste ich erst einmal Gleichgewichtsübungen trainieren. Nach diesen Vorbereitungen ging es dann zur Sache. Ein neuer Modus „ gehen“ wurde eingegeben und meinen ersten Schritten stand nichts mehr im Wege. Ich brauchte für die ersten Schritte ein kleines bisschen Unterstützung. Erst das rechte Bein dann das linke Bein usw. ( Spitze ) Das fühlt sich toll an. Erst lief ich am Barren. Als das gut klappte bekam ich die Gehstützen und übte das freie Laufen, wobei mich der Physiotherapeut am Rücken unterstützte damit ich die Balance nicht verlor. Das war der absolute HIT, ich konnte es kaum fassen, ich lief das erste Mal nach 10 langen Jahren- unglaublich. Es war so ein tolles Gefühl wieder auf Augenhöhe unterwegs zu sein. Außerdem hatte ich in den letzten 10 Jahren schon ganz vergessen, wie groß ich doch eigentlich war – ich staunte.

Da es doch ganz schön anstrengend wurde brauchte ich häufiger eine Pause. Nachmittags sind wir dann quer durch den Therapieraum gelaufen. Mittlerweile hatte mich der Ehrgeiz so gepackt das ich immer mehr von diesem tollen Gefühl wollte – LAUFEN-!!! Der Tag ging zu Ende, ich war überglücklich aber auch völlig fertig. Wie dann der nächste Tag begann kann man sich sicher gut vorstellen - Muskelkater ohne Ende.

Danach ging es nach draußen spazieren „grins“ Es war einfach nur toll in der freien Natur zu stehen und alles aus einer ganz anderen Perspektive sehen zu können, ich war überglücklich und hoch motiviert. Matt musste mich immer weniger unterstützen, so dass ich am dritten Tag bereits schon fast allein gehen konnte. Ich war stolz auf mich und hätte Bäume ausreißen können, es hat meine Erwartungen vollends übertroffen. So habe ich das Laufen innerhalb vier Tagen in groben Zügen gelernt. Jipi

Zuhause geht jetzt das Üben mit dem Physiotherapeuten und meinem Freund dem Re-Walk weiter. Jeden Tag ein bisschen mehr und dann geht es mit Treppensteigen weiter.

Auch wenn es sehr anstrengend ist, so genieße ich es doch mit meinen Freunden wieder ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Ich wusste gar nicht mehr wie eine Bar von oben aussieht. Mehr als ein Bier ist aber nicht drinnen, denn der Re- walk verlangt einem doch viel Konzentration und Kraft ab. Aber es ist eine Freude und eine Bereicherung wieder mal in voller Größe zu laufen und nicht zu rollen. Eben von Heute auf Morgen.

 

Text: Andre van Rüschen

Fotos: Hannes Bodingbauer