Mobilitätstraining

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum manche Blindenleitlinien bei Mauern oder Gebüschen enden?

Was es mit den akustischen Ampeln auf sich hat?

Und wie man sich zielgerichtet im Großstadtdschungel zurecht finden kann?


Alles gelernt im Mobilitäts- und Orientierungstraining!


Egal ob Kind, Erwachsener oder im fortgeschrittenen Alter, jeder hat Anspruch auf so ein Training wenn er/sie es benötigt. Es erfordert viel Konzentration, Mut und Übung – aber es gibt Freiheit und ein Stück Lebensgefühl zurück!


Blindheit oder Sehbehinderung schränkt die Fähigkeit zur selbstständigen Orientierung und Fortbewegung im hohen Maße ein. Es macht Angst und führt oft zu Abhängigkeiten und sozialem Rückzug. Beim Mobilitätstraining lernt man sich als sehbehinderter Verkehrsteilnehmer gezielt und sicher fortzubewegen. Gelernt wird, wie man seine anderen verbliebenen Sinne optimal einsetzen kann.


Im Nahbereich ist der Tastsinn sehr wertvoll:

  • Durch den Langstock kann man Bodenunterschiede ertasten. Unebenheiten, Pflasterwechsel und Masten dienen zur Orientierung. Man merkt sich dann z.B. „nach dem dritten Kanaldeckel links abbiegen“.
  • Leitlinien sind in Bahnstationen und bei wichtigen Gebäuden angebracht. Oft sind die Längslinien von so einem Schachbrettmuster unterbrochen - diese sind die sogenannten Aufmerksamskeitsfelder. Da folgt etwas Wichtiges z.B. SOS, Weggabelungen.
  • Leitlinien enden immer an starren Fixpunkten wie Mauern, da kann sich dann der Blinde weiter orientieren… nach rechts oder links.
  • Wenn man sich visuell nicht mehr ankern kann, ist es unmöglich gerade zu gehen. Paralleler Straßenverkehr oder Mauern werden als Richtungsgeber genützt.
  • An akustischen Ampeln sind kleine Täfelchen angebracht, die taktile Informationen enthalten wie die Kreuzung aussieht (Fahrstreifen, Fahrtrichtung, Bahngleise, Fahrradstreifen u.ä.).
  • Bei U-Bahntüren ULF sind raue Klebestreifen angebracht, welche die Türöffner kennzeichnen.

Alles andere, über den greifbaren Bereich hinausgehend, muss von den restlichen Sinnen übernommen werden. Das Hören spielt dabei eine wichtige Rolle:


  • Motorgeräusche der Autos dienen zur Orientierung.
  • Man lernt Straßenkreuzungen zu analysieren und in Phasen einzuteilen. Wann welcher Verkehr fährt und wann man geschützt überqueren kann.
  • Weiters lernt man akustische Informationen zu interpretieren:
  • Am Klang der Schritte und des Halles der Stimme kann man mit Übung lernen Räume einzuschätzen. Man erkennt die Raumgröße, die Lage der Fenster, die Entfernung der Mauern und die Raumbeschaffenheit.
  • Gänge können von Stiegenhäusern unterschieden werden, fernes Verkehrsgeräusch kann zur Orientierung verwendet werden, Abstände zwischen Häusern haben auch einen anderen eindeutig erkennbaren Klang.
  • Ausgänge kann man auch oft anhand der Geräusche erkennen. Das eindeutige Piepsen der Kassen im Supermarkt lassen dort den Ausgang vermuten. Ausgänge verraten sich auch durch den Klang des Schrittes … hohl bei Unterführungen oder bei U-Bahn Eingängen. Nicht zu vergessen die Schritte anderer Personen, die zur Ausgangsfindung dienen.
  • Durch Menschenanhäufungen lassen sich Straßenbahnen und Busstationen ausforschen.


Aber auch Gerüche kann man als Orientierungshilfe heranziehen. Zum Beispiel riecht eine Drogerie oder Parfümerie eindeutig anders als der Kebapstand. Ein Gasthaus anders als ein Chinarestaurant. Wenn man den Weg kennt, kann man sehr gut am Geruch abschätzen, wo man sich gerade befindet.


Also Sie sehen, alles kann einem dienen, man muss nur wissen wie!

Ein kleiner Tipp aus dem Nähkästchen:

Wenn sich sehbehinderte Menschen treffen wollen, kann es ganz schön schwer werden sich zu finden. Da kann es schon passieren, dass man die ganze Zeit schon ein paar Schritte entfernt von seinen Kumpeln steht und man bemerkt sich nicht. Handyanrufe haben sich gerade im Wiener Großstadtbereich nicht bewährt. Nun nützen wir den Klicker (aus dem Hundesport abgeschaut), einen Knallfrosch, der ein klickendes Geräusch von sich gibt, sobald man draufdrückt.


Ich wünsche ALLEN ein gutes Vorankommen!


Mehr Infos über Mobilitätstraining:

http://behinderung.fsw.at/mobilitaet/mobilitaetstraining.html

 

 

(Autor: Julian Nagl)