Mobilitätshilfen

Ein blinder Mensch möchte Spazierengehen, Einkaufen, zum Arbeitsplatz oder in die  Apotheke gehen. Selbst bei bekannten Wegen stellt das für den blinden Menschen ein  hochkonzentriertes Unterfangen dar, bei dem der blinde Mensch selbst meist mit ein paar Blessuren und abgekämpft, wenn überhaupt, beim Ziel ankommt.  Abhilfe leistet hier der Blindenführhund. Grund genug der Ausbildung eines Blindenführhundes auf den Grund zu gehen. Die Blindenführhundeschule Bürger (Bruck/Mur) gab uns diesbezüglich freizügig Antworten auf unsere Fragen.

 

Grundsätzlich übernimmt der Blindenführhund bei entsprechender Anweisung die Aufgabe des Sehens. Stellen Sie sich mal vor Sie müssen mit dem Auto in einer fremden Stadt zu einer bestimmten Adresse. In der heutigen Zeit kein Problem. Sie geben die Adresse in das Navigationssystem ein und schon erhalten Sie Anweisungen wie Sie zu Ihrem Fahrtziel kommen.

 

Ähnlich funktioniert ein Gespann zwischen blinden Menschen und Blindenführhund. Nur ist hier der blinde Mensch das „Navi“ und der Hund der „Fahrer“. Als Fahrer oder besser gesagt Führer, hat der Blindenführhund nun die Aufgabe Hindernisse zu umgehen, Stolperfallen anzuzeigen, und den blinden Menschen zu führen. Nicht einfach, wenn Sie die täglichen Hindernisse bedenken welche ein sehender Mensch gar nicht wahrnimmt.

 

Beispiele gefällig?


Absperrungen, Angebote von Gasthäusern, tief hängende Firmenschilder, Kleiderständer, Treppen oder einfach nur entgegenkommende Menschen. Der Hund muss also nicht nur seinen Weg im Auge haben, sondern ebenso Hindernisse für seinen Begleiter erkennen und dementsprechend darauf reagieren (ausweichen oder stehen bleiben). Und jetzt kommt’s: Er muss sogar in der Lage sein, Befehle zu verweigern.

 

Diese intelligente Befehlsverweigerung hat schon manchen blinden Menschen das Leben gerettet, welche vor einer Schlucht gestanden sind oder in ein fahrendes Auto gelaufen wären wenn, der Hund trotz mehrmaliger Aufforderung und schimpfen auf das Kommando „voran“ reagiert hätte. Wie also wird so ein Wundertier gemacht?

 

Wie schon bei Assistenzhunden beginnt die Auswahl des künftigen Blindenführhundes als Welpe. Derzeit werden wie bei Assistenzhunden Red River und Labrador sowie Mischungen der beiden Rassen aufgrund ihrer Gutmütigkeit und Intelligenz sehr gerne ausgebildet. Der Deutsche Schäferhund wurde durch diese Rassen zum Teil ersetzt da der Kampftrieb höher ist. Grundvoraussetzungen sind neben absoluter körperlicher und geistiger Gesundheit, dass Eigenschaften wie Jagdtrieb, Revierverhalten und Kampftrieb nur mäßig vorhanden sind.

 

Ähnlich wie bei einem Assistenzhund verbringt der Junghund das erste Jahr dann bei einer Patenfamilie. Diese übernimmt hier große Verantwortung den Hund zu sozialisieren. Der Hund sollte an so viele Umgebungen als auch Geräusche gewöhnt werden. Bus und Zugfahrten sollten ebenso auf dem Programm stehen wie Baustellenlärm, Shopping City und Hundepark. Ebenso sollte er an Kinder und andere Haustiere gewöhnt werden. Solche Patenfamilien werden immer gesucht. Erst nachdem der Hund wieder zu seiner Ausbildungsstätte zurückkehrt, kann nach einer ausgedehnten veterinärmedizinischen Untersuchung die Ausbildung zum Blindenführhund beginnen. In seiner Ausbildung lernt der Hund über 70 Kommandos, welche er zur Zufriedenheit seines Trainers ausführen muss. Das wichtigste Trainingsmittel ist hier das so genannte Führgeschirr. Dies ist nicht nur die Verbindung zwischen Blindenführhund und blinden Menschen sondern auch die Assoziation des Hundes zu arbeiten. Ohne Geschirr ist der Hund ein ganz normaler, gutmütiger, gehorsamer Hund. Mit Anlegen des Geschirrs wird er zum Blindenführhund. Streicheln oder hätscheln Sie also niemals einen Blindenführhund wenn das Geschirr angelegt ist! Sie verderben damit die Ausbildung. Wie nun der Hund die Fähigkeiten erlernt bleibt dem Blindenführhundausbilder vorbehalten. Wir dürfen jedoch festhalten, dass in der Hundeschule Bürger die Fähigkeiten des Hundes ausschließlich mit den natürlichen Anlagen des Hundes wie Lauffreude, Neugierverhalten sowie Rudelverhalten zwischen Mensch–Hund antrainiert werden. Eine Ausbildung mit Starkzwang wie Stachelhalsbänder, Elektroschocks oder Prügel ist abzulehnen, und wird in keiner guten Hundeschule praktiziert. Das Ergebnis wäre zwangsläufig ein gestresster, angstneurotischer Hund. Eine intelligente Befehlsverweigerung ist mit einem solchen Hund undenkbar. Nach ca. 8 Monaten Ausbildung wird der Hund zur vorgeschriebenen Qualitätskontrolle für Blindenführhunde zugelassen.

 

Bei dieser Prüfung hat der Ausbilder die Rolle des blinden Menschen zu übernehmen (Augenbinde sowie Langstock). Ab jetzt müssen Kommandos wie links, rechts, voran, anzeigen eines Schalters, anzeigen von Stolperfallen, anzeigen eines Liftes, zur Zufriedenheit des Prüfers durchgeführt werden. Erst nach dieser Prüfung kann für den Hund ein adäquater Besitzer gefunden werden. Nun beginnt für den Hundetrainer die Zweitausbildung. Nämlich die des zukünftigen Hundeführers (Blinden Menschen). Nachdem der blinde Mensch wie bei der Assistenzhundeausbildung sämtliche Kommandos gelernt hat beginnt eine ein- bis zweiwöchige Ausbildung des Gespanns.

 

Hier wird dem blinden Menschen der richtige Umgang mit dem Lebewesen Hund sowie das Reagieren des blinden Menschen auf Gehorsamverweigerung des Hundes beigebracht. Ebenso wird auch das miteinander Spielen sowie der regelmäßige „Freilauf“ des Hundes (auch ein Blindenführhund braucht Spaß) trainiert. Erst wenn dieses Gespann aufeinander abgestimmt ist, kann ein Training vor Ort (Wohnort des blinden Menschen) erfolgen. Hier lernt der Blindenführhund sogar Wege wie zur Apotheke, Büro oder Bank selbständig mittels Zuhilfenahme von Bus oder Bahn quer durch die Stadt zu bewältigen. Eine abschließende staatliche Prüfung sollte dann nur mehr Formsache sein.