1 Jahr mit dem Rollstuhl durch Mexiko & Zentralamerika

Ein Jahr lang reisten Victoria und Reinfried, der seit einem Schiunfall querschnittgelähmt ist, von Mexiko bis Nicaragua. In dem Reisevortrag erzählten sie von den Herausforderungen, von Zweifel und Verzweiflung, von Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Lebensfreude und von dem wachsenden Vertrauen in die Lösbarkeit jedes neuen Problems. Vor einem kurz umrissenen geschichtlichen und sozialökonomischen Hintergrund berichteten sie von einem Abenteuer, das sie teilweise weit abseits der üblichen Touristenwege an Orte führte, wo Barrierefreiheit nicht nur sprachlich ein Fremdwort ist. Bis zum Schluss (am gefühlten Ende der Welt) der Rollstuhl scheinbar irreparabel zusammenbricht…


Für die Reise ließ Reinfried sich von seinem Arbeitgeber für ein halbes Jahr karenzieren, Victoria nahm eine Auszeit von ihrem Kultur- und Sozialanthropologie-Studium. In Los Angeles, der ersten und auch teuersten Station ihrer Reise, wohnte das Paar als „Couchsurfer“ privat bei Familien. Beim Couchsurfing meldet man sich auf einer Homepage an und bietet dort seine Couch, das Gästezimmer oder auch eine Matratze am Boden als Schlafplatz für Reisende an. Im Gegenzug kann man selbst auf Reisen anderer Leute Couch nutzen oder wie in Reinis und Vickis Fall… deren Kinderzimmer. Das erste Ziel bestand darin, ein fahrendes Auto um maximal 1000 Dollar zu kaufen. Nach langer Suche erstanden die beiden einen 1984er Volvo 240 GL.

Zuhause in Österreich ist der Grazer selbst mobil, Automatikgetriebe sei Dank, doch der Volvo hatte Gangschaltung und so musste Victoria bis zum Ende der Reise rund 25.000 Kilometer alleine am Steuer sitzen. Dass aus dem geplanten halben Jahr ein ganzes werden würde, wussten die beiden da aber noch nicht.


Zuerst ging es ab nach Mexiko quer durch Baja California. „Direkt an der Grenze war es aus mit der Barrierefreiheit. Ab da gab es keinen einzigen Tag mehr, an dem ich ohne fremde Hilfe zurechtgekommen wäre“, so Reinfried. Noch dazu ist Baja California zwar wunderschön aber auch ein einziger großer Sandhaufen. Mit dem Rolli ist da kaum ein Weiterkommen. Das Paar fand für derartige Probleme immer wieder kreative Lösungen. Auch ohne speziellen Rollizugang kam Reini bei seichtem Wasser ins Meer, er fand außerdem eine Technik um in Hängematten rein und wieder raus zu kommen und selbst das Wohnen in absolut nicht barrierefreien Unterkünften war schaffbar, wenn auch nicht so komfortabel. Reinfried erzählt: „Das war oft nicht so einfach. Was wir aber erlebt haben, ist viel Hilfsbereitschaft.“ Problemsituationen führten manchmal erst zu wertvollen Entdeckungen und netten Bekanntschaften mit der lokalen Bevölkerung. Durch eine dieser Krisen entdeckten sie zB die Vorteile von Stundenmotels in denen man sozusagen bis aufs Zimmer fahren kann.


Die beiden wollten in Zentralamerika auch arbeiten – Reinfried in einem Architekturbüro, Vicki in einer NGO die sich um die ärmere Bevölkerung kümmert – um Sprache, Land und Leute kennenzulernen.


Ein pikantes Detail der Reiseplanung: Vicki reiste mit einem Rucksack Handgepäck, damit Reinfried 2 riesen Koffer Katheter mitnehmen konnte. Pro Tag mehrere zur Entleerung der Harnblase und das für ein halbes Jahr, da kommt einiges zusammen. Leider ging der Vorrat an Kathetern langsam zur Neige. Ein reisefreudiger Freund kam kurzerhand mit einer großen Tasche Kathetern eingeflogen, die der Zoll jedoch konfiszierte… er könnte schließlich ein Katheterschmuggler sein. Erst die zweite Lieferung viel später erreichte die beiden tatsächlich. Irgendwann mussten sie also Baja California verlassen und versuchen die Katheter aus den Fängen des Zolls zu befreien (wenn auch vergeblich).


Der Anfangs erwähnte Volvo wurde nun im Verlauf der Reise zeitweise kaum noch verlassen und auch zum Schlafen genutzt. Während sie bisher an der Küste viel gemeinsam Schnorcheln waren und das Tauchen für sich entdeckten, waren am Festland die zahlreichen Pyramiden und Vulkane die Abwechslung zu den langen Autofahrten. Im Tauchen fanden sie etwas, was sie gemeinsam und gleichberechtigt machen konnten. Obwohl die Suche nach einer mit Querschnittslähmung erfahrenen Tauchschule vergebens war, begegneten ihnen sehr hilfsbereite und erfindungsreiche Menschen. Fazit: (Fast) alles geht irgendwie. Manchmal haben zwei starke Männer für den Transfer vom und ins Boot hergehalten, vieles meisterten Vicki und Reini auch zu zweit. Während Vicki im Verlauf des Jahres zahlreiche Pyramiden und Vulkane bestieg, nutzte Reini diese Zeit um einen Tag Pause zu machen oder beobachtete und zeichnete die Pyramiden von einem schattigen Plätzchen aus. So „gewöhnt“ wie die Bevölkerung an RollstuhlfahrerInnen ist, kann man sich vorstellen, dass er selbst dabei oft zur Attraktion wurde.

In ihrem Vortrag erklären die zwei auch geschichtliche Hintergründe zu jeder ihrer Stationen, wie sich die Bevölkerung entwickelt hat, was Probleme im Land waren oder sind und zB auch warum Guatemala heute nicht gerade zu den sichersten Ländern gehört. Vicki: „Bei Einbruch der Dunkelheit sollte man wissen wo man schläft.“


Was die Sicherheit angeht, gab es natürlich noch andere Risiken. Vor Tropenkrankheiten, Verletzungen bzw. Infektionen kann man sich nur bedingt schützen, so bekam Reinfried unter anderem mehrere Harnwegsinfekte und Victoria erkrankte am Dengue-Fieber, welches im schlimmsten Fall tödlich sein kann. Weil er ohne Hilfe das Zimmer nicht verlassen konnte, somit ein Transport ins Krankenhaus ausschied, blieb ihnen in dieser Situation nichts anderes übrig, als im Bett zu bleiben.


Die Verlängerung auf ein volles Jahr wollten die zwei eigentlich dazu nutzen, nach El Salvador, Honduras und Nicaragua weiter bis Costa Rica, Panama und Kolumbien zu fahren. Schon die Überfahrt nach Costa Rica scheiterte aber daran, dass die Behörden den alten Volvo nicht einreisen lassen wollten, also mussten sie zurück nach Nicaragua. Stattdessen sind sie an die touristisch unerschlossene Ostküste gefahren, wo es so gut wie keine Straßen mehr gibt. Die meisten Strecken werden mit dem Boot bewältigt, sofern denn mal eines kommt… denn in Zentralamerika ticken die Uhren viel, viel langsamer als bei uns.

In dieser abgelegenen Gegend sahen sie sich kurzzeitig mit dem denkbar schlimmsten Szenario konfrontiert, das man sich vorstellen kann – Reinis Mobilität war weg. Das linke Vorderrad des Rollstuhls verabschiedete sich. Ein 80-jähriger Retter in der Not, der sein Leben lang auf einem Öltanker gearbeitet und dort alles Mögliche repariert hatte, schweißte das Rad wieder an. Der Rolli war nun nicht mehr so wendig und bewegte sich etwas unberechenbar, aber wenigstens konnte er wieder fahren.

 

Nach 12 Monaten traten die beiden wieder den Heimweg an und sahen einem großen Kulturschock entgegen. Reinfried erzählte von dem, was sie durch diese Reise mit nach Hause nahmen: „Die Probleme, die uns zuhause so groß erscheinen, sind wenn man die Perspektive wechselt gar nicht so groß. Für‘s Glücklichsein braucht es nicht viel, kein iPhone und auch keine zwei Beine“

 

Vicki ergänzte: „Was wir auch gemerkt haben, am Anfang der Reise hat man die Barrieren vor sich. Was uns am Anfang unmöglich erschien, war am Ende der Reise selbstverständlich. Da haben wir gar nicht mehr drüber nachgedacht. Irgendwie geht’s dann eh… jedenfalls kann man vieles probieren.“

 

 „Ja, wir haben ein gewisses Vertrauen gewonnen, dass jedes neue Problem lösbar sein wird und so war‘s dann auch. Grenzen existieren hauptsächlich in unseren Köpfen. Für mich war es außerdem wichtig zu erkennen, dass mir niemand sagen kann, wo meine Grenzen liegen. Ich musste sie selbst finden.", sagte Reinfried

 

Mittlerweile sind Reinfried und Victoria befreundet und wollen anderen von ihrem Abenteuer erzählen.

 

Neue Termine auf: https://www.facebook.com/mebeguelhonicopa


Text: Cornelia Reithner

Fotos: Reinfried Blaha & Victoria Reitter